„Der stabile Wahn II“ – These boots are made for walking

Mein größtes Problem ist nicht, dass alle Menschen meinen, mir die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Nein, es liegt daran, dass in meinem Kopf ein Geist spukt, der mir einredet, ich müsse mir sämtliche dieser schuldbeladenen Schuhe ständig anziehen. Schuld wirkt bei mir anziehend – im wahrsten Sinne des Wortes. Neulich fand mein Kollege seine Funkmaus nicht mehr, und ich fühlte mich sogleich verantwortlich für das Finden derselbigen. Insgeheim spukte in mir schon das schlechte Gewissen und das Gefühl, er könne meinen, ich habe sie, obwohl ich wusste, dass ich damit nichts zu tun hatte.

Im beruflichen Leben ist es eigentlich genauso. Ich bin immer eine gute Schülerin gewesen, hatte gute Noten und auch mein Studium habe ich trotz meiner Gabe der negativen Selbstsuggestion gut – und in Mathe sogar sehr gut– absolviert. Da ich eigentlich Realschullehrerin werden wollte, musste ich danach noch mein Referendariat abschließen, was ich schlussendlich nicht schaffte ob meiner offensichtlichen Unsicherheiten, die ich meinte, gegenüber meinen Kolleginnen und Prüferinnen zeigen zu müssen. Und das, obwohl die Schüler bei mir immer alles verstanden haben und ich zu vielen heute noch Kontakt habe. Neulich, als ich meine alten Schulmaterialien aussortierte, merkte ich erst, welch kreative Gedankenleistungen ich eigentlich in die Vorbereitung gesteckt habe. Jetzt in der Ausbildung ist es mit Kollgen schon besser als damals. Aber selbst wenn irgendwo Probleme, die gar nichts mit mir zu tun haben, auftauchen, meine ich immer, es sei meine Schuld und ich müsse mir den Schuh anziehen.

Bei neuen Aufgaben denke ich stets, ich könne es nicht und andere können es besser und dadurch blockiere ich mich nur, anstatt in mir zu fühlen: Es können andere, deshalb ist es möglich, es auch zu lernen und später zu können. Dieses ständige Idealisieren der Kompetenzen anderer wird mir noch zum Verhängnis. Woher kommt das?

Ich war bei uns zu Hause mit Abstand die Jüngste von drei älteren Geschwistern. Deshalb sind alle anderen: Tante, Onkel, Mama, Papa, Omas, Cousinen und Cousins eine Generation älter als normal. Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit fühle ich mich nicht richtig integriert, nicht zugehörig, weil keiner so wirklich mit mir was anzufangen wusste, bis auf meinen Papa. Klar sie haben sich alle um mich gekümmert, bis auf meine Mama, der ich immer zu viel Belastung war. Aber mir fehlte damals und heute die Ernsthaftigkeit und der gewisse Respekt, den man jedem zukommen lassen sollte und das ist unabhängig vom Alter. Ich denke, das ist der Grund für meinen stabilen Wahn. Der ständige Kampf um Respekt und Anschauung auf Augenhöhe und der Kampf gleichwertig zu anderen zu sein. Ich meine, ich bin ja nicht blöd, ich kann etwas, ich mache etwas und ich bin zielstrebig mit genügend Verantwortungsbewusstsein. Ich sollte lernen, wenn ich schon meine, mir Schuhe mit Schuld anziehen zu müssen, wenigsten in ihnen weiterzulaufen. Und falls man in Schei*e geraten sollte, sind Stiefel optimal, denn „these boots are made for walking“. Und das Weiterkommen und die Weiterentwicklung im Leben sind wichtig, die Kreativität, die in einem und in mir schlummert, weiter wachzurütteln und in aktive Gestaltung umzusetzen.  

Are you ready boots? – Start walkin‘!

One thought on “„Der stabile Wahn II“ – These boots are made for walking

  1. Dieser Beitrag ist nun zwar fast schon zwei Jahre alt, jedoch spricht er mir total aus der Seele. Ich erkenne mich in all deinen Worten wieder! Unglaublich! Und auch wenn das nicht wirklich hilft, ist es doch schön zu wissen, dass man nicht die Einzige mit diesen blöden Selbstzweifeln ist!
    Liebe Grüße😉

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