Let’s talk about sex with me! – But I don’t wanna talk about it

Also, ich komme ja gebürtig aus einem sauerländischen Klein-Dorf mit sage und schreibe 360 Einwohnern. Wie es im Sauerland so üblich ist, wurde auch ich streng katholisch erzogen. Sämtliche Wörter, die nur in irgendeiner Form etwas mit Sexualität, Genitalien oder Religionskritik zu tun haben, wurden streng geahndet.

Vielleicht ist die Scham auch der Grund dafür, weshalb der Genitiv im Sauerland so selten benutzt wird, aus Angst, die Verwendung beichten zu müssen. Schon allein der Gedanke daran, dass Genitiv und Genitalien phonetisch so nah beieinanderliegen, muss ein Trauma bei Sauerländern hervorrufen.

Ein weiteres Problem, das durch diese Verklemmptheit mit einhergeht, ist das Unterdrücken der Sexualität. Auf der einen Seite werden Pornos verachtet und Menschen, die soetwas sehen, werden als Perverslinge bezeichnet, aber wenn der Pfarrer kleine Jungens mit in den Beichtstuhl nimmt, wird das Dienst am Hirten genannt.

Ich weiß, dass das alles Schwachsinn ist, aber ich habe trotzdem Probleme, frei über solche Dinge zu sprechen. Beneidenswert finde ich hingegen die Franzosen, die für das Wort Unterhose bzw. Schlüpfer „Les undisable“ sagen. Toll, die Unaussprechlichen. Ich mag das Wort z.B. auch nicht aussprechen.

Ganz prekär ist auch für mich, innerhalb einer Partnerschaft über Körperpartien oder Genitalien zu sprechen. Noch schlimmer ist es aber, gar keine Worte dafür zu haben oder so verklemmte Ausdrücke wie „Da unten rum“. Letzters ist für mich der volle Abtörner. Mein Ex-Freund hat das mal gebracht, das zu sagen und ich fand das einfach nur schrecklich, weil es die Sexualität so herabwürdigt. Es ist etwas ganz Normales, das weiß ich, aber dennoch finde ich es schwer bis unmöglich, offen darüber zu sprechen.

Ich würde es ganz gerne schaffen, offener über mich, meine Sexualität und die meines Partners zu sprechen. Schreiben ist nicht das Problem, aber das „Überdielippenkommen“.

Genau dieselbe Scham habe ich auch, meine Gefühle Männern gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Ich bin seit ca. 1/2 Jahr heimlich verliebt, wir sehen uns ab und an, lächeln uns zu, sind vertraut und mögen uns. Dennoch schaffe ich es nicht, ihm meine tiefen Gefühle mitzuteilen. Ich glaube, wenn ich einen Liebesbrief an ihn schreiben würde,  dann höre sich der wie ein hoch amtliches Schreiben wie z.B. Finanzamt oder wie ein maschinell erstelltes Schreiben meiner Bank an. Mag sein, dass ich aus Unsicherheit oder aus Angst verletzt zu werden, so sachlich geworden bin. Meine Erfahrungen mit Gefühlsmitteilungen jedweder Art endeten halt mit Enttäuschungen gepaart mit Verletzungen und Schmerz. Die Angst, erneut ob meiner Gefühlsgeständnisse verletzt zu werden, ist zu groß. Lieber resigniere ich.

Das Kuriose ist, ich sollte eher Angst haben, ihm meine Gefühle wegen seiner Frau und seiner Kindern zu gestehen. Aber das juckt mich ja gar nicht. Kinder finde ich toll, das macht ihn sehr sympathisch (wäre er auch so, aber es ist trotzdem schön). Der eigentliche Grund ist das Formulieren, das Gestehen, das Zugeben, verliebt zu sein. Das bereitet mir Bauchschmerzen und Angst, weil ich nicht weiß, wie er reagiert.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er sagt: “ Ja, ich auch. Lass uns etwas zusammen unternehmen, lass es uns wagen.“ Immer habe ich das Gefühl, dass mir das Leben, die Sache mit der Liebe nicht so einfach macht, als wenn ich mit aller Kraft dafür kämpfen müsste, um nur ein kleines Stück Liebe abzubekommen.

Aber was ist Liebe, wenn man nicht zusammen kommt, sich einfach nur anschmachtet und sich aus der Distanz begehrt???

Ich habe nur keine Lust mehr darauf, auf Distanz gehalten zu werden oder selbst die Distanz aufzubauen.

Ich will Nähe, echte Nähe und Vertrautheit, Berührungen, ehrliche Kommunikation, Austausch von Gefühlen, Gedanken und Anteilnahme am Leben des Anderen, um ihn besser zu verstehen, von ihm zu lernen, ihm die Chance zu geben, sich durch mich weiterzuentwickeln oder heil bzw. ganz zu werden.

Das ist doch ein charateristisches Merkmal des Lebens: Durch Andere und mit Anderen zu wachsen, um der oder die zu werden, die man ist. Aber auch mit Menschen umgehen zu lernen, die anders sind, jeden Tag aufs Neue, den Mut aufzubringen, sich in andere Gedanken einzufinden und diese zu verstehen. Respekt vor Menschen und Meinungen zu haben, die nur den eigenen Anteil in uns widerspiegeln, ist keine Herausforderung. Die Überwindung ist das Ziel. Die Überwindung der eigenen Denkmuster, um echte Toleranz für Andere zu entwickeln.

Vielleicht überwinde ich mich ja auch und spreche meine Gefühle offen aus. Ich glaube, es ist schon eine gute Übung für mich, wenn ich nur kleine Andeutungen mache und darauf achte, wie seine Reaktionen sind.

In meinem Innersten weiß ich, dass nicht die Scham Schuld an meiner Wortlosigkeit ist, sondern die Angst, verletzt und verspottet zu werden. Wenn ich die Angst überwinde, fällt es mir wahrscheinlich auch leichter Wörter wie Penis (beim Kontrektum habe ich da keine Probleme), Scheide, Unterhose, Schlüpfer, etc. in den Mund zu nehmen, weil ich Vertrauen (zu einem Menschen/Partner) gewonnen habe. Ich finde den Ausdruck „Vertrauen gewinnen“ sehr schön, weil er zeigt, dass man Vertrauen nicht mit einem Erwerb erzwingen kann, sondern dass es immer ein Gewinn ist, der ein bisschen etwas mit Zufall, aber auch mit Engagement und Authentizität zu tun hat.

Ok, dann heißt es „Let’s talk about sex with me. Let’s talk about you and me.
Let’s talk about all the good things and the bad things that may be.

Und wenn einer sagt, dass

People might misunderstand what we’re tryin‘ to say, you know?

Dann sage ich einfach:

„No, but that’s a part of life.“

Ja, Sex, Sexualität, Genitalien, Gefühle, gute oder erfreuliche genauso wie schlimme oder unerfreuliche Dinge sind Teil unseres Lebens und nur durch unsere Erfahrungen meinen wir sie bewerten oder einschätzen zu können oder zu müssen.

Aber das müssen wir nicht – manchmal ist es einfach, wie es ist und es ist nicht gut noch schlecht, sondern einfach da und wartet darauf aktiv gelebt zu werden.

10 thoughts on “Let’s talk about sex with me! – But I don’t wanna talk about it

  1. Deine Worte bilden die Antwort:
    manchmal ist es einfach, wie es ist und es ist nicht gut noch schlecht, sondern einfach da und wartet darauf aktiv gelebt zu werden.
    Lebe, lebe….

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