Against all odds oder ewiges Deutschland gegen Italien?

Ich dachte, ich sei endlich immun, was den Liebesschmerz angeht. Aber falsch gedacht. Heute war der erste Tag nach der Berufsschule, an dem ich ihn kurz wieder sah und mich freute, dass er da war.

Ich hatte wirklich geglaubt, er habe mich genauso vermisst, wie ich ihn. Stattdessen keine Reaktion, keine Kontaktaufnahme.

Früher habe ich immer geglaubt, ich müsse dem „Mann meiner Träume“ (Was für eine schwachsinnige Bezeichnung) besonders liebenswert gegenüber auftreten, ihm alles recht machen, nur seinen Wünschen entsprechen und meine Ansprüche vernachlässigen.

Dieses Mal dachte ich es sei anders. Ich habe und hatte nicht das Gefühl, dass ich um seine Liebe, sein Interesse, seine Gunst oder seine Beachtung kämpfen muss. Es war einfach da. Ich hab’s genossen, wenn das Gefühl da war. Wenn er gerade mal nicht da war, so hat es mich nicht zerrissen – es war ok, gut so.

Als ich an der Arbeit war, erhielt ich eine Mail von meiner Schwester. Und schlagartig wurde mir wieder klar, was das eigentliche Problem in meinem Liebesleben ist:

Die unbefriedigte Suche nach der Beachtung: Take a look at me, now.

Mit mir und der Liebe ist es wie mit einem Meisterschaftsspiel Deutschland gegen Italien. Man denkt, jetzt müssen doch mal die Deutschen gewinnen gegen die Italiener. Sie haben noch nie gewonnen, aber diesmal muss es klappen. Wir sind gut vorbereitet, wir haben trainiert, dazu gelernt, den Gegner haarscharf analysiert und sind nun bereit zu gewinnen.

Alles sieht auch zu Anfang gut aus. Bis kurz vor Schluss. Da schießt irgendwie aus heiterem Himmel so ein …bekn….ckter Ramazottel so ein verfi..tes Tor und dann sind nur noch 5 Minuten Spielzeit übrig, um zumindest noch ein Unentschieden, das zum Elfmeter führen würde, herauszuholen. Und siehe da, es fällt noch ein Tor, aber nicht das zum Ausgleich, sondern noooooch eins für die Italiener und das war’s dann. Aus der Traum von einem Sieg der Deutschen Nationalmannschaft über die Italiener. Wie naiv wir Deutschen doch mal wieder waren, wir könnten die Italiener im Meisterschaftsspiel schlagen. Zu dumm.

All die Jahre – von klein auf – habe ich um Be – Achtung gekämpft. Wollte als kleines Kind meinen um 11 und 14 Jahre älteren Geschwistern zeigen, dass ich auch da bin, dass ich auch Kleider (meisten ihre aus ihrem Kleiderschrank) tragen kann, dass ich auch Frau geworden bin, dass ich auch zur Schule gehe, dass ich auch Lesen, Schreiben, Rechnen lerne, dass ich auf dem Weg bin, all das zu lernen, was sie auch gelernt haben.

Ich wollte keinen Applaus, keine Lobhudelei. Nein, das Einzige, was ich wollte, war Be-Achtung, ein Signal, eine Reaktion, die mir zeigte, wir haben gesehen, was Du kannst, wir haben gesehen, dass Du Dich entwickelst, dass Du einen Teil von uns in Dir trägst.

Doch nicht nur meine Geschwister sahen und sehen mich bis heute nicht, sondern auch fast der Rest(bis auf meinen Papa) sieht und sah mich nicht realistisch. Mit meinen Stärken und Schwächen, wertfrei, realistisch und angemessen. Entweder habe ich übertriebenes Lob bekommen oder niederschmetternde Kritik. Das ist unter anderem auch der Grund dafür, warum ich mit keinem der beiden Dinge bis heute gut umgehen kann: Lob und Kritik. Ich habe so ein Bombenzeugnis hingelegt, wie ich es noch nie hatte. Ein Schnitt von 1,2. Und was mache ich, statt mich zu freuen? Ich habe Angst, es meinem Ausbilder zu zeigen. Ich denke, dass ich es nicht verdient habe, solch ein Zeugnis zu bekommen.

Klar, alle anderen, ausnahmslos sind immer besser als ich gewesen, egal ob sie objektiv besser waren oder nicht. Sie bekamen Beachtung. Für sie fand man immer Entschuldigungen, warum sie aber nicht so eine gute Note bekommen haben wie ich.

Und wo führt eine solche Nichtbeachtung hin? Klar, zur Magersucht. (Ok, nicht zwangsläufig, aber bei mir war es so.)

Jahrelang habe ich geglaubt, ich sei falsch, ich sei Schuld daran, dass mich niemand wirklich beachtet, ich müsse mich verändern, damit jemand mich sieht – mich wirklich sieht.

Ich nahm zuerst zu: Keine Reaktion

Ich nahm ab: Keine Reaktion

Ich nahm mehr ab: Ich war Schuld, dass alle sich nun Sorgen um mich machen müssen.

Es war einfach nur im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen.

Jedesmal, wenn die Ignoranz meiner Familie/Umgebung/Schwarm mich seelisch verletzte, z.B. beim gemeinsamen Essen, dann verschwand ich, ganz klammheimlich zur Toilette und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Jedesmal habe ich mir gewünscht und vorgestellt, wie jemand mich beachtet und sagt: „Komm, lass das. Du musst das nicht machen. Ich bin ja schon da, ich sehe Dich.“ Ganz behutsam, nicht manipulativ, nicht indoktrinierend, sondern einfach nur erkennend.

Jetzt, wo es mir egal ist, ob mich jemand be-achtet oder nicht, habe ich endlich gedacht, ich könnte frei lieben, aber heute hat mir seine Nichtbeachtung etwas ausgemacht, weil ich wieder den Kampf in mir spürte. Ich habe mich über mich selbst geärgert, weil ich Angst hatte, wieder auf den Schein der Liebe hereingefallen zu sein. Immer habe ich zuerst geglaubt, dass ich auch geliebt werde. Ich habe immer nur vertraut darauf, dass es zumindest eine Person gibt, die mich sieht, die mich so liebt wie ich bin – mit Schwächen, Stärken, Fehlern.

Immer wenn mich keiner geliebt hat, habe ich alles dafür getan, fehlerfrei sein, um damit der Liebe würdig zu sein.

Ich hab’s so satt, ständig nur zu hoffen. Ich weiß nicht mehr, welche innere Haltung der Liebe gegenüber ich einnehmen muss, damit ich nicht zwanghaft etwas festzuhalten versuche. Gleichzeitig will ich aber auch nicht gleichgültig der Liebe gegenüberstehen.

Vielleicht kann ich gar nichts tun, um geliebt zu werden. Vielleicht bin ich der Liebe machtlos ausgeliefert. Ich sollte glaube ich mal meine Kontrollmacke bekämpfen, mit der ich versuche, mich der Liebe gefahrlos zu nähern.

Vielleicht ist Geliebtwerden für mich aber auch nur ein unerreichbares Ziel, ein Wunsch, eine nicht zu stillende Sehnsucht, die ich aktiv nicht stillen kann. Geliebtwerden für mich – against all odds. Und wenn mir dann bewusst wird, dass ich doch trotz des Anscheins nicht geliebt werde, kommt wieder diese innere Stimme, die sagt:“Du hast doch wohl nicht allen Ernstes geglaubt, er liebt dich. So naiv warst Du? Wie anmaßend und überheblich Du doch bist. Nie wirst Du geliebt werden, weil Du es nicht verdient hast, weil Du weder fehlerfrei, noch schuldlos bist. Finde Dich doch endlich damit ab.“

Als ich gestern eine Sendung über Magersüchtige im Livestream sah, wurde auch das Thema Magersucht und Partnerschaft beleuchtet. Dabei wurde erwähnt, dass Magersüchtige selten Beziehungen haben. Durch die Magersucht wird aus dem Mythos „Du darfst nicht geliebt werden“ eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Was ich momentan fühle? – Ich weiß es nicht. Soll es mir egal sein, ob ich irgendwann mal geliebt werde? Soll ich kämpfen, um geliebt zu werden? Soll ich mich verändern oder mich gehen lassen, um geliebt zu werden? Ein Dilemma! Kämpfe ich, so habe ich bereits verloren. Kämpfe ich nicht, kämpfe ich nur nicht, um die Liebe zu bekommen. Damit habe ich diesen Kampf auch verloren. Nur wenn ich etwas tue, ohne wirklich dafür keine Liebe ernten zu wollen, ohne manipulative Absichten zu haben, erst dann hat die Liebe eine Chance  – vielleicht! – Ich törichtes Etwas!

3 thoughts on “Against all odds oder ewiges Deutschland gegen Italien?

  1. Einige Gedanken. Ich war einmal mit meinem Studium nicht glücklich. Ich dachte immer, dass ich ein anderes Studium hätte machen sollen, dann wäre alles besser geworden. Diesem Gedanken hing ich solange hinterher bis ich mit einem Freund gesprochen habe, der dieses andere Studium gemacht hat. Er hatte genau meine Gedanken nur anders rum. Er dachte, dass er besser mein Studium gemacht hätte. Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite

    Nichtbeachtung: Du kannst Dir wahrscheinlich nicht vorstellen, dass Du jemanden nicht beachtest. Aber es passiert. Du nimmst eine Person gar nicht wahr. Entsprechend ist es keine absichtliche Handlung. Ich habe mich häufig gewundert, wenn mich Leute nicht beachtet haben. Wenn ich sie darauf angesprochen habe war es in den allermeisten Fällen Zerstreutheit. Klar, es gibt auch die Leute, die auch beim 5. Treffen noch vorstellen, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir das auch schon einige Male passiert ist.

    Ich habe festgestellt, dass wenn ich selbst gut gelaunt bin mir sehr viele gut gelaunte Menschen entgegen kommen. Hingegen, wenn ich schlecht gelaunt bin, dann kommen mir auch nur schlecht gelaunte Menschen entgegen. Gesundes Selbstvertrauen ist meiner Meinung nach eines der attraktivsten Merkmale eines jeden Menschen, egal ob Frau oder Mann. Die positive Ausstrahlung, die von innen kommt ist viel mehr Wert als jedes Outfit. Wäre schön, wenn man es einfach so anknipsen könnte. Geht leider nicht, aber man kann auch hier Stück für Stück sich über kleine Dinge freuen, die man geschafft hat, z. B. Dein Zeugnis.

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