Verb komm heraus, Du bist umzingelt!

Im Sauerland erlebste Sachen, die gibt’s nicht, zumindest nicht im Duden. Grammatikalische Ungereimtheiten sind gewollt und trotzdem falsch.

Das Sauerland ist der lebende Beweis dafür, dass die Verwendung der flektierten Sprache „Deutsch“ nichts mit der Verwendung einer reflektierten Sprache zu tun hat.

Da ich als waschechte Sauerländerin auch schon mal „über das Rückenmark spreche“, bin ich auch mit diesem Slang infiziert und durch das Germanistikstudium rudimentär therapiert. Nichtsdestoweniger muss ich mir manchmal schneller auf die Zunge beißen als meine Stimmbänder schwingen können. Wat man jelernt hat, dat verjisst de ja auch net so schnel….

Man könnte allerdings wohlwollend sagen, ich sei bilingual erzogen worden. Also einmal Umgangssprache und dann Hochdeutsch.

Und die phonetische Anpassung ist auch im Sauerland überlebenswichtig, denn sonst versteht Dich ja niemand. Und wenn einer Gesagtes nicht versteht, dann kann der so schlecht beim Nächsten die Neuigkeiten verbreiten, von denen er eigentlich geschworen hat, nichts zu sagen:„Nä, ich sach nichts. Wem sollte ich denn wat saren.“

Nun ja, wenn ich als kleines Kind vom Spielen nass wieder nach Hause kam und gesacht hätte: „Ich bin in den Bach gefallen.“, hätte mich keiner verstanden. Drum musste dann im Sauerland sagen: „Ich bin in die Bach gefallen.“ Da zuckt man als Germanist schon mal zusammen und als Sauerländer blüht man auf, da man was zu erzählen hat. Warum der Bach im Sauerland feminin ist, so kann ich nur spekulieren: Vielleicht deshalb, weil es meistens die Frauen waren, die an der Bach die Wäsche waschen mussten. Genauere Auskunft, kann ich jetzt auch nicht geben. Ein weiteres Phänomen sind Präpositionen. Da erlebt man hier im Sauerland spannendere Dinge wie in „Fort Fun“. Eine Berg- und Talfahrt der Spitzenklasse. Wenn man jetzt krank ist und unterhält sich mit dem Nachbarn über die eigenen Beschwerden, dann kann man nicht sagen: „Ich muss morgen mal zum Doktor!“. Dat jet nit, da kann der sauerländer Nachbar nichts mit anfangen und dann weißt der ja nit, wat den Anverwandten weitersaren soll. Also sagt man ganz angepasst:“Mojen muss ich abba ma nach dem Doktor gehen.“. Fortgeschrittene Rhetorikkünstler der Superlative binden die Präposition mit dem flektiertem Begleiter: „Mojen muss ich abba ma nachm Doktor gehn.“ Die Koryphäen des sauerländer Dialektes ziehen das „nachm“ noch mal zusammen und sagen: „Mojen muss ich abba ma namm Doktor. (Wahlweise mit einem oder zwei Ms, je nach Stimmung des Sauerländers) Bei weiblichen Nomen sieht die Bindung so aus: Aus „Wir gehn nach der Moni.“ wird „Wir gehn nacha Moni.“.

Sprachlich betrachtet ist diese Bindung total konsequent, da man ja auch „um das“ zusammenfasst zu „ums“.

Ich frag mich gerade wie sich der Anglizismus bzw. das Deppenapostroph an dem „nachm“ noch weiter vergehen kann. So könnten Werbeplakate, die auf Gaststätten verweisen so lauten: „Nach’a Elli!“ Ich weiß momentan nicht, von welcher Werbung mein Augen- und Ohrengeschwür schneller wächst: Von „Susi’s Eisdiele“ oder von der zuerst genannten.

 Die Verwendung der Verben im Sauerland gehorcht einer eigenen Logik. So hat die Jungfrau Maria keine gefalteten Hände, sondern gefaltene Hände. Aber wat willste mahchen? Da mahchste nichts, Du!“

Wahrscheinlich sind der Katholizismus und die starke Gläubigkeit auch der Grund dafür, warum sich die Sauerländer scheuen, den Genitiv zu verwenden. Genitiv kommt bestimmt von Genitalien und Genitalien sind vom Teufel.

„Nä Du, dat lass isch lieber, dat mit dem Genitiv, isch hab letztens schon nach der Osterbeichte zehn Ave Maria beten müssen, weil ich jut zu Vögeln war und bie ninnem Englandtripp Sussex besicht (besucht) habe.“

Dabei kommt Genitiv vom lateinischen Wort genetive und bedeutet so viel wie angeboren, also es bezeichnet jenes, was man besitzt. Klar besitzen einige Menschen ein Genital, aber darüber hinaus auch noch mehr, so z.B. auch ein Auto. Deshalb heißt es auch „Manuels Auto“ und nicht „Manuel sein Auto.“ Was das Genitivattribut angeht, so ist das Sauerländisch voll-vereinfacht. Egal, ob Männlein, Weiblein oder Kindlein, es heißt immer sein. „Manuel sein Auto“, „Karin sein Auto“ und in der hochentwickelten Form sogar „Dem Mark sein Auto“ oder „Der Karin sein Auto“.

Zu Sussex lässt sich sagen, dass dies eine Grafschaft in Südengland beschreibt. Also, alles in allem harmlos. Aber was dem eloquenten Sprachakrobat leicht von der Zunge springt, fällt dem Gelegenheitsrhetoriker unsagbar schwer.

Wenn aber die Stärken der Sauerländer nicht darin liegen, dieTiefgänge der deutschen Grammatik zu ergründen, so ist er doch höflich und feiert gern. So liegt die Tatsache nahe, beides miteinander zu kombinieren. Wenn ich z.B. Geburtstag habe, so gratuliert er mich (statt mir ) höflich und fröhlich aufs Fest. In den Tiefen des Sauerlandes geht man sogar auf Schützenhalle. Aber alle Sauerländer müssen ab und zu auch mal aufs Amt.

Also denken Sie bei Ihrem nächsten Sauerlandaufenthalt an die grammatikalischen Feinheiten der Sauerländer. Dann kann nichts schief gehen. Wenn Sie so sprechen wie der waschechte Sauerländer, dann mag er Sie. Doch stehen Ihre Steckenpferde eher im Stall der sprachlichen Korrektheit, so sollten Sie sich in Acht nehmen. Der Sauerländer redet nicht nur so, wie ihm der Mund gewachsen ist, sondern auch jene Tatsachen, die sich nur in seinem Kopf abspielen. Das heißt, Sie werden mehr über sich nachgesagt bekommen, als Sie in einem Leben überhaupt zu Stande bekommen.

Auch seien Sie davor gewarnt, den Sauerländer zu belehren, denn er ist grundsätzlich resistent gegen jedwede Form der Veränderung, schon gar wenn der Impuls von Zugezogenen kommen. Er ist allem Neuen gegenüber suspekt, auch wenn er nicht weiß, wie man suspekt schreibt geschweige denn was es bedeutet. Er ist selbst dem Wort „suspekt“ gegenüber suspekt.

Dat war so und dat bleibt ach so.

Mit Belehrungen und Vorschlägen zur Optimierung laufen Sie beim Sauerländer zu(h)ene Türen ein, was beweist, dass die grammatikalische Grausamkeit des Sauerländers nicht mal vor der Flexion der Präpositionen halt macht. Nehmen Sie es einfach so hin und ich garantiere Ihnen, wenn Sie erstmal ein Jahr lang nichts wie dem Sauerländer seine Sprache gehört haben, fällt Ihnen das Verbrechen an der deutschen Sprache gar nicht mehr auf und Sie wollen selbst nichts Anderes mehr hören und schreiben.

Wenn man jetzt mich fragt, wie ich es mit der Sprache halte, so ziehe ich einen Vergleich mit einem Zitat aus dem Roman „Einmal Rupert und zurück“ von Douglas Adams: „Es gibt Situationen, in denen ist es besser, wenn man nicht noch mal zurückgeht, um die Handtasche zu holen und solche in denen es doch sinnvoll ist. Jetzt muss ich nur noch lernen zwischen beiden zu unterscheiden.“

Also, ich kann so und so sprechen. Wenn ich zwei Wochen bei meinen Eltern war, rede ich schon mal aus dem Rückenmark und muss die nächsten Wochen an der Arbeit langsamer sprechen, damit meine Worte unfallfrei und unverletzt den Ausgang finden. Und manchmal muss ich halt lernen zu unterscheiden, in welcher Situation ich mich befinde. Wenn ich bei bestimmten Leuten hier in der Heimat sagen würde „Lass uns mal zu Meiers (Hausname der Wirtschaft) gehen.“, würden diese doch etwas verwundert gucken, weil sie diese Satzkonstruktion bzw. diesen Satzaufbau verständlicherweise befremdlich finden. Sie haben es halt wirklich anders im Ohr bzw. im Gedächtnis. So sag ich lieber um des lieben Friedens willen: „Lass uns nach …gehen.“, zumal ich weiß, dass ich von den Leuten keine Belehrungen diesbezüglich zu befürchten habe, wohl aber blödes Gelaber, wenn ich die arrogante Studierte spiele. Wenn ich aber weiß, jemand ist grammatikalisch fit – Sauerländer oder nicht – dann achte ich auf meine Worte.

©schwarzeelster (Spätere Korrekturen nicht ausgeschlossen, da es schwer ist, hier die Spreu vom Weizen zu trennen.)

8 thoughts on “Verb komm heraus, Du bist umzingelt!

  1. DANKE für diesen Artikel.
    Hat mich seeehr amüsiert.
    Bin ja auch oft in der Ecke – hab fast alles wiedererkannt.😀
    Richtig, richtig gut geschrieben, Elster.

  2. Ganz ehrlich: Auch wenn ich nicht jedes der deutschen Lokalidiome mag, so freue ich mich doch über jeden, der seinen Dialekt pflegt. Meiner Erfahrung kommen die Worte von Menschen, die „frei Schnauze“ ihren Dialekt sprechen, ehrlicher rüber und mehr aus Herz und Seele als von jemandem, der jedes Wort peinlich genau auf grammatikalische Richtigkeit überprüft, weil ihm „die Öllern freuher ’n Mors mit ’n Duden utwischt harrn!“, um’s auf Plattdeutsch to seggen… äh, zu sagen.

    • Hallo Gerrit,
      ja das sehe ich auch so🙂 Zwar bemühe ich mich stets…aber der Inhalt ist wichtiger als der Ausdruck und das ist ja in der Schule auch so: 3/6 Ausdruck, 2/6 Inhalt und 1/6 Rechtschreibung🙂

  3. Da kann ich mitreden im wahrsten Sinne des Wortes…
    Als „waschechte “ Österreicherin mit steirischem Dialekt groß geworden und nebenbei eine Mutter die aus dem Ruhrpott kommt.
    Also ich bin zweisprachig erzogen worden. Tiefstes Schluchten Ösi und korrektes Hochdeutsch -lach-

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