Sorge Dich nicht – lebe

Heute bin ich wieder an dem Punkt angekommen, an dem ich nicht weiß, ob ich einfach nur furchtbar, unhöflich, unmöglich und egoistisch bin oder ob die anderen mich immer nur durch emotionalen Druck so hinbiegen können, wie es ihnen gerade passt.

Zuerst hatte ich einen riesen Krach mit einem Mädel aus unserer Freizeitgruppe. Zur Erklärung: Sie fragte mich am Dienstag auf dem Weihnachtsmarkt, ob es in unserer Clique jemanden gebe, in den ich verliebt sei. Sie zählte ein paar auf: Klaus, Peter… . Leider bin ich in keinen von ihnen verliebt und sagte ihr das auch.

Dann ging sie auf einen der Männer zu und flüsterte ihm ins Ohr, in wen ich alles nicht aus der Clique verliebt bin unter anderem er selbst.

Als ich vom Weihnachtsmarkt wieder daheim war, schrieb ich ihr eine SMS, dass ich die oben genannte Unterhaltung bekommen habe und dass ich das nicht gut finde, dass sie private Dinge ausplaudert.

Sie antwortete darauf, dass sie dem Mann doch nur helfen wollte und dass ich ruhig etwas toleranter sein könnte bzw. offener sein könnte.

Ich fand die ganze Aktion einfach nur wie in der Grundschule, zumal sie bei meinem letzten Date auch allen in der Clique erzählt hat, dass ich mich mit dem und dem hier und da treffe und dass da ggf. etwas laufen könnte.

Leider hat sie meinen Standpunkt nicht verstanden und nun sind wir zerstritten.

Dann rief gestern Abend meine umsorgte Tante an (sie ist im Grunde meine Ersatzmutter, aber dazu später mal mehr) und sprach mir auf die Mailbox, dass sie sich große Sorgen macht, weil ich nicht ans Telefon gehe. Ich habe aber erst gestern Abend um 20h erfahren, dass sie angerufen hat und mir zweimal drauf sprach. Da ich gestern einen sehr langen Arbeitstag hatte, fühlte ich mich gleich unter Druck gesetzt, sofort zurück zurufen – leider endete auch das im Streit.

Meine Tante muss sich immer Sorgen machen, um alles und jeden, das ist ihr Lebensinhalt, sonst fühlt sie sich unnütz. Dass sie andere damit erdrückt, merkt sie nicht.

Das ganze verlängerte Wochenende war ich bei ihr und bei meinen Eltern und immer wieder fällt mir auf, dass ich wirklich kein richtiges Gesprächsthema mit ihr oder meiner Mutter finde – immer nur diese oberflächlichen Geschichten und dann ist mir langweilig und mache Kreuzworträtsel oder  sehe fern.

Das merkt sie natürlich auch, ich weiß aber beim besten Willen nicht, über was ich mich mit ihnen unterhalten soll. Mit meiner Tante kann ich über Backen und Kochen unterhalten – aber über andere Dinge nicht, weil ich ihr entweder keine Sorgen bereiten möchte oder aber, weil wir einfach unterschiedliche Interessen haben.

Ich kann mir nicht helfen: Auf der einen Seite möchte ich mich sowohl in der Familie als auch in der Clique einordnen, Kompromisse eingehen und diplomatisch sein, aber auf der anderen Seite möchte ich mit mir nicht alles machen lassen, mich nicht ausnutzen lassen und meine Grenzen aufzeigen, weil ich den Druck nicht aushalte.

Vielleicht bin ich wirklich kein soziales Wesen und ecke überall an. Auf der einen Seite bin ich total still und lasse zu viel mit mir machen und wenn es mir dann Oberkante  – Unterlippe steht, platzt es dann einfach so aus mir heraus.

Meine Tante verwechselt Liebe mit erdrückender Sorge und das weckt in mir Aggressionen und das Gefühl platzen zu müssen. Aber immerhin, weiß ich, wieso ich Angst vor einer Beziehung habe: Ich habe Angst, genau solch eine bedrückende zwanghafte Nähe spüren zu müssen, in der ich nur funktionieren muss, aber nie gesehen werde.

Vergleiche ich das mit Tobias  – einen meiner Ex-Freunde – ist es genau das: Wir trafen uns nur, wann es ihm passte, in der ersten Kuschelnacht ging er mir, während ich schlief gleich in den Schlüpfer ohne meine Zustimmung und Kinder sollte ich erst dann bekommen, wenn er mit seiner Promotion fertig sei. Werde ich vorher schwanger, fände er eine Abtreibung als eine praktikable Lösung, die er aber noch vor ein paar Jahren abgelehnt hätte.

Als ich ihn mal fragte, ob es ihm wirklich um mich ginge und welche Bedeutung ich in seinem Leben spiele, fand er diese Frage impertinent und es war der Anfang vom Ende – Gott sei Dank.

Auch die Männer, welche sich jetzt für mich interessieren, sind im Grunde genommen ein Spiegelbild der Tantensituation – sie erdrücken mich, im Grunde will ich mich von ihnen und ihrer Nähe befreien, dennoch fühle ich mich verpflichtet, nett zu ihnen zu sein und ihre Wünsche zu erfüllen. Das passt nicht zusammen, das weiß ich.

Deshalb verliebe ich mich ja auch so gerne in die Falschen – weil sie mich mit ihrer Liebe nicht erdrücken und das ist die Freiheit, die ich benötige, um meine Gefühle echt zu zeigen.

6 thoughts on “Sorge Dich nicht – lebe

  1. Liebe Schwarzeelster !

    Leider ziehen wir gerne Dinge und Menschen an, die genau das verkörpern, was wir überhaupt nicht wollen. Es ist so, dass sie Spiegel für uns sein sollen, damit wir daraus lernen und Klarheit in unser Leben bringen, um zu bekommen, was wir uns wünschen. Was ich aus deinen Erzählungen immer wieder erkennen kann, ist, dass du dich zwischen Abstand und Nähe zerrissen fühlst. Ist das richtig? Vielleicht willst du einmal versuchen, ganz klar Stellung zu beziehen zu dem, was du willst, ohne es anderen recht machen zu wollen. Ich habe das selbst einmal nach einem Streit mit meinem Lebenspartner gemacht. Ich habe alles aufgeschrieben und es ihm klipp und klar mitgeteilt. Seitdem funktioniert das Meiste besser als vorher. Ich empfehle dir das Buch „Das Geheimnis meines Spiegelpartners“ von Rüdiger Schache. Ich habe von dem Buch viel über mich gelernt. Vielleicht hilft es dir auch.

    Ich wünsche dir, dass du ganz bald aus diesen unbewussten Mustern ausbrechen kannst, um diejenigen kennen und lieben zu lernen, die dich unterstützen und so annehmen wie du bist.

    Herzliche Grüße und alles Gute,

    Caroline

    • Liebe Caroline, danke für Deinen lieben, langen Kommentar. Ich glaube, Du hast Recht und das empfohlene Buch werde ich mir mal als Weihnachtslektüre gönnen. Schon sehr lange habe ich die Muster erkannt, aber es fällt mir schwer, mich von ihnen zu distanzieren.

      • Ja, das kann ich gut verstehen, liebe Schwarzeelster ! Du wirst diese Muster sicher auch bald durchbrechen, ganz sicher! Ich glaube an dich.🙂

        Mir ging es auch sehr lange so und irgendwann hat es dann klick gemacht. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, hat es dann nochmals klick, klick, klick gemacht und ich konnte bisher zumindest ein paar meiner Muster durchbrechen. Manche wehren sich hartnäckig, aber ich bleibe dran.🙂

        Du bist nicht allein, den meisten Menschen geht es genauso wie dir.🙂

        Ganz viel Erfolg und viele interessante Erkenntnisse beim Lesen.

        Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende,

        Caroline

  2. Also das Problem mit Verwandten nur über Belanglosigkeiten reden zu können, kenne ich selbst sehr gut. Ich empfinde es oft als anstrengend, wenn mal wieder iwer angerufen werden muss und man eigentlich nichts zu sagen hat. Aber auch da gibt es in meiner Familie positive Ausnahmen.

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