Die, die durch die Zeit reist

Sie liebt Hamburg, den Flair. Deshalb fuhr sie auch diesen Samstag nach Hamburg. Auch an diesem verregneten Novembernachmittag. Den ganzen Tag über nieselte es schon und als sie endlich mit der U-Bahn an den Landungsbrücken ankam und sie ausstieg, begann ein heftiger Regenschauer. Sturm und Regen gaben ihr Bestes, so dass ihre dicke Winterjacke und ihre Schuhe durchnässt wurden. Doch sie ließ sich von den beiden nicht ablenken, sie blickte auf die Elbe, die Schiffe, welche hier ihre große Reise in die große weite Welt unternehmen werden. Und trotz des Wetters fühlte sie sich wohl, fühlt sich wie zu Hause angekommen zu sein. Sie wünschte sich, Passagier eines dieser Schiffe zu sein, auf das offene Meer zu treiben, auf die Nord- oder Ostsee zu schippern. Doch statt mit der Fähre zum Elbstrand zu fahren, zögerte sie, das Wetter war ihr wohl doch zu ungemütlich.

Durchnässt kam sie in einem kleinen Café mit Ausblick auf die Elbe und die Schiffe an. Ihre Füße und ihr Rücken waren trotz der Winterkleidung durchnässt, sie fror und sie war froh, dieses Café gefunden zu haben. Sie kam hinein und wurde von Van Morrison und einer warmen gemütlichen Luft begrüßt. Sie zog ihre nasse Kleidung aus, setzte sich und bestellte einen warmen Pfefferminztee. Sie sah verträumt auf die Elbe. Es war schon nach halb vier und es fing so langsam an zu dämmern. Das Leuchten der Schiffe und des Hafens erinnerten sie an früher, an lange, dunkle Winternachmittage, als sie noch klein war, ihr Vater noch lebte und in ihrem Bauernhaus noch eine Heimat für sie war. Die Lichter erinnerten sie an das Nachhausekommen nach einer langen, kalten Schlittenfahrt, als sie drinnen beim alten Holzofen in der Küche saß, Tee trank, sich aufwärmte, um danach einen schönen Nachmittagsfilm zu sehen.

Sie dachte an früher, an ihr Heimatdorf mit 300 Seelen, obwohl sie in Hamburg ist, in einer Millionenstadt, weil das Gefühl des Ankommens dasselbe ist. Die Lichter und die Kälte waren hier in Hamburg genauso wie damals daheim. Sie hatte ihren Schreibblock und einen Stift dabei und sie fing an, ihre Gefühle, die in ihr aufkamen, in eine Geschichte umzuwandeln.

Sie dachte an eine Frau, Anfang 30, sie nannte sie Sabrina. Sabrina ist eine sensible Frau, die sämtliche Eindrücke wie ein Schwamm aufsaugt, jede noch so kleine Geste wird aufgenommen, interpretiert und gespeichert. Sabrina hat vor einem Jahr eine neue Arbeitsstelle in einer kleinen Firma angetreten. Sie ist klug, fleißig, nur allzu oft unsicher, um ihre wahre Größe ihren Kollegen zu zeigen. Doch ihr Chef scheint sie zu sehen, wie sie wirklich ist. Schon beim Vorstellungsgespräch konnte sie ihn einschätzen und ihm vertrauen. Durch ihr Gespräch hatte sie eine Vorstellung von ihm und seinem Leben bekommen, wovon sich später herausstellte, dass sie richtig lag. Als sie während des Gesprächs ins Stocken geriet, sah sie ihm in die Augen und wusste, es war alles in Ordnung. Sabrina merkte mehr und mehr, dass es Liebe war, die sich zwischen ihnen entwickelte, eine Liebe, welche nie Erfüllung finden wird, aber die sie beide ihr ganzen Leben lang begleitet hat und weiterhin begleiten wird. Beide leben in verschiedenen Welten. Er bei seiner Familie, mit 4 fast erwachsenen Kindern, einer Ehefrau und einem Hund. Die typisch-glückliche Familie im bescheidenen Eigenheim. Sabrina wohnt in einer kleinen Einzimmerwohnung im Speckgürtel von Hamburg zusammen mit ihrer Katze. Sie weiß zwar, dass die Liebe zwischen ihr und Bernd nichts zerstören kann, aber sie wartet jeden verdammten Tag auf die erfüllte Liebe. Statt ihm zu sagen, was sie für ihn fühlt, geht sie in Discos, trifft sich mit Männern und mit einigen wenigen schläft sie auch. Vor zwei Monaten dachte sie, sie hätte einen Menschen gefunden, den sie zwar nicht so liebt wie Bernd, mit dem sie aber leben kann. Sie schlief ein paar Mal mit ihm, er verlangte viel von ihr, ihre Bedürfnisse waren fast egal, seine hatten Priorität. Sie wusste, hier würde sie krank werden.

Eines Abends ging sie mit Frank-so hieß ihr Freund- von der U-Bahn-Station zu ihm nach Hause. Plötzlich sah sie in einer Nebenstraße Bernds Auto. Ja, es war seins, sie kannte sein Nummernschild und es war es: HH-FA-4166, ganz sicher. Mitten in Hamburg stand sein Auto. Wie konnte das sein, es war ja nicht seine Adresse, hier wohnte er gar nicht. In Sabrinas Geist wurde ihr Drang zur Mathematik geweckt. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, in einer Millionenstadt unwillkürlich, zufällig ein bestimmtes Auto zu sehen, ohne vorher zu planen?

Zuhause bei Frank angekommen, war es kalt, die Heizung wird erst im Dezember angeschaltet – heute ist Mitte November. Sabrina fror und nahm sich eine Decke vom Sofa, um sich einzukuscheln. „Na, sind wir heute wieder empfindlich.“, hörte sie Frank frotzeln. Aber sie überhörte es. Es würde nichts bringen, mit ihm heute Abende darüber eine Diskussion zu führen, die sie ohnehin verlieren würde. An diesem Abend hatten die beiden Sex, sie genoss es, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Frank wieder fordernd wurde. Es war ein Fordern, mit dem Sabrina nicht klar kam, ein Fordern, das ihr das Gefühl gab, nicht zu genügen. Er wollte einen Blowjob. Sabrina ist nicht prüde, sie hat nichts gegen Oralverkehr, aber dennoch beherrschte sie nicht die Technik, die Frank bevorzugte. Für Frank ist Sex sehr wichtig und er hasst es, hier Kompromisse eingehen zu müssen. An diesem Abend wurde es besonders schlimm. Als sie sein bestes Stück (ha, ha) nicht tief genug in ihren Mund nehmen konnte, sagte er ihr, sie sei selbst zu blöd zum Vögeln. Sie war verletzt, zog sich an, packte ihre sieben Sachen und verließ ihn. Um 4h nachts zurück zur U-Bahn-Station, wieder vorbei an Franks Auto. Ein Anblick, der ihr wieder Hoffnung gab.

Als sie am Montag drauf zur Arbeit kam und ihr Chef, also Bernd, sie begrüßte, klopfte ihr Herz über alle Maßen, Bernd strahlte, sie strahlte zurück und sie hatte das Gefühl, als wenn Bernd ihren Herzschlag hören würde. Solche Momente sind die Sternmomente. Näher werden sie sich nie kommen, aber in diesen Momenten ist es wie Sex: voller Erwartung, ein Gefühl, nackt vor dem jeweils Anderen zu sein, schutzlos vor ihm zu stehen, allein mit der Angst verletzt zu werden. Aber nichts Schlimmes passiert, der Andere fängt einen auf, alles ist gut, nichts ist falsch. In diesen Momenten weiß Sabrina, dass Bernd immer bei ihr war, lange bevor sie sich kennenlernten und immer bei ihr sein wird. Genauso ist es mit ihr sein, sie war schon immer bei Bernd und wird es immer sein.

Zufrieden arbeitet sie weiter, zumindest tut sie so, ihr Kopf ist heiß und ihre Gedanken hat sie nicht zusammen. Keiner ihrer Kollegen hat bemerkt, was zwischen ihnen ist. Nur sie beide wissen alles.

Sie legte den Stift hin, blickte wieder auf die Elbe. Draußen ist es dunkel geworden und nur die Schiffe leuchten. Ihr Pfefferminztee ist fast leer und der letzte Rest ist kalt, das Teelicht, welches der Ober angezündet hat, erloschen, die CD von Van Morrison wurde durch Randy Crowford abgelöst. Ihre Füße sind wieder trocken und warm, sie bezahlte, zog sich wieder an und ging, stieg in die U-Bahn auf dem Weg zum Hauptbahnhof, um mit dem nächsten Zug nach Hause zu fahren. Im Zug angekommen sah sie auf die Lichter Hamburgs, welche später während der Fahrt an ihr vorbeizogen. Sie verabschiedete sich von Hamburg und über ihre linke Wange rollten Tränen. Ihr gegenüber saß ein junger Mann, Anfang 30, er lächelte ihr zu, sie lächelte zurück, sie kamen ins Gespräch. Sie wusste, sie liebt ihn nicht, aber er war nett und vielleicht würde er ihr ein wenig das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit geben können.

(Bild folgt)

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