„Boys don’t cry!“ oder „Was ist Glück?“

Dies ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der Anfang der 70er Jahre in einer deutschen Großstadt aufwuchs. Seine Eltern hatten sich durch harte Arbeit ein Eigenheim für ihn und seine fünf Jahre ältere Schwester aufgebaut.

Im Grunde fehlte es ihnen an nichts, auch wenn die beiden Kinder nicht jeden Wunsch erfüllt bekamen und lernen mussten, auf ein paar Dinge zu verzichten.

Der mittlerweile sechsjährige Junge ging zur Schule, in der er feststellen musste, dass das Leben nicht nur Zuckerschlecken bedeutet. Viele Kinder hatten damals schon eigene Kassettenrecorder in ihren eigenen Zimmern, während er sich ein großes Zimmer und ein Radio mit seiner älteren Schwester teilen musste. Manche Kinder kamen auch in der Schule besser mit als er, trauten sich mehr zu und waren um einiges sportlicher als er.

Dem Druck konnte der kleine Junge nicht länger standhalten, weshalb er die Schule wechselte – eine etwas liberalere Schule, in welcher auch mal „Fünfe gerade“ waren.

Als fast erwachsener Junge mit 16 oder 17 Jahren  wurmte ihn die beginnende soziale Ungerechtigkeit und die politischen Missstände. Joint-rauchend sagte er seinen Antagonisten den Kampf an.

In diesen Jahren wird irgendwo in einem kleinen Dorf innerhalb Deutschlands ein Mädchen geboren, welches ähnliche Lebenserfahrungen durchlebte wie der Junge –  nur zeitversetzt.

Der fast erwachsene Junge wollte nach seinem hart erkämpften Abitur die Welt ein Stückchen gerechter werden lassen. Aufgrund seiner Schulbildung wusste er, dass nur die Vergangenheit die Gegenwart prägen kann – niemals umgekehrt. Und wie alle Historiker wissen, ist Vergangenheit ein großes Dunkel, und mit Echos gefüllt.Ein Echo, welches bis in die Zukunft reicht und unser Leben diktiert. Er studierte Geschichte und lernte, die Zusammenhänge der Welt und Politik zu begreifen.

Am Ende seines Studiums lernte, er wie er damals glaubte, die Liebe seines Lebens kennen. Die beiden heirateten und bekamen Kinder. Er war glücklich.  Mittlerweile war er leitender Angestellter einer mittelständischen Firma.

Das zeitversetzt-geborene Mädchen fing zu diesem Zeitpunkt an, mit „Ach- und Krach“ sein Abitur zu absolvieren und ein Mathematik-Studium anzufangen. Zahlen waren ihr vertraut, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes berechenbar für sie waren. Sie schaffte das Studium mit Bravour, besser als von seinem Mathe-LK-Lehrer vorhergesagt. Sie war stolz und fing an, auf sich und das Leben – sein Leben – zu vertrauen. Die ersten Berufsjahre der mittlerweile jungen Frau waren die Hölle auf Erden, mit den Männern hatte sie stets Pech, da sie sich immer in die falschen – oder wie ihre viele Jahre ältere Schwester immer zu sagen pflegte – in die emotional gestörten Männer verliebte. Die junge Frau hatte die Gabe, immer den emotional schwachen Männern helfen zu wollen. Und selbst wenn sie glaubte, diesmal würde es anders, kam es immer wieder genauso, wie sie es gewohnt war.

Nach einigen beruflichen Pleiten entschloss sie sich, die Stadt zu wechseln und begann eine neue Ausbildung, genau in der Firma, in der unser bekannter Junge leitender Angestellter war.

Im Laufe ihres gemeinsamen Berufslebens sahen sie sich häufiger, redeten oder lachten miteinander. Doch manchmal merkten sie auch, wenn es dem einen nicht so gut ging, dann ließ der eine dem anderen Raum, sich wieder verstanden zu fühlen.

Eines Nachts träumte die Frau , die in der Firma ihre Ausbildung begann, von ihm. Sie träumte von seiner Ehefrau, wie sie ihren Mann an die  Auszubildende loswerden wollte. In diesem Traum war seine Frau blond, kühl und hart. Sie wollte das „Geschäft“ hinter sich bringen ohne Emotionen oder Empathie. Er stand nur teilnahmslos hinter ihr, als wenn er sich verstecken würde vor der Auszubildenden. Die Auszubildende war verunsichert, so schüchtern hatte er sich nie an der Arbeit gezeigt  – dieser Traum konnte nicht der Realität entsprechen. Einige Zeit später träumte sie einen ähnlichen Traum, diesmal war seine Frau dunkelhaarig und warmherziger, trotzdem pflichtete sie der Auszubildenden bei, sich ihres Ehemannes anzunehmen.

Die Auszubildende legte diese beiden Träume ad acta. An ihm waren keinerlei Kennzeichen zu sehen, welche auf die Echtheit dieses Traumes hinweisen würden.

Die Zeit ging ins Lande und es kam zu einem Firmenfest, auf dem abends getanzt und gefeiert wurde. Dort sah die damalige Auszubildende ihn mit einer blonden Frau. Sie überlegte, ob es seine Frau oder ob es nur irgendeine Frau war. Die Ex-Azubine beobachtete neugierig die beiden. Sie konnte keinerlei emotionale Beziehung erkennen, zwar standen sie dicht beieinander, aber er stand teilnahmslos hinter ihr. Weder sie noch er betrachteten sich wirklich, amüsierten sich gemeinsam oder tauschten jedwede Intimitäten aus. Da war es für die Ex-Auszubildende klar – es konnte nur eine Bekannte sein.

Später stellte sich heraus, es war wirklich seine Frau.

Die Ex-Auszubildende war mittlerweile eine normale Angestellte geworden und ihr Beziehungsleben wurde durch einige Nieten bereichert. Sie lebte allein in einer kleinen Wohnung, zwar konnte sie sich einige luxuriöse Dinge leisten, dennoch lebte eher solide.

Sie lebte so, wie eigentlich auch ihr Kollege leben würde, wenn er nicht damals seine um einiges wohlhabendere Frau geheiratet hätte. Ohne sie hätte er niemals eine solche Karriere beginnen können und wäre niemals leitender Angestellter in der Firma geworden.

Und so melancholisch dachten beide – sie und ihr Kollege – gleichzeitig über ihr Leben nach und was Glück ist. Für sie war Glück immer gleichbedeutend mit Ehe, Familie und Kinder, einem Haus und beruflichem Erfolg. Aber sie fühlte sich unglücklich, weil sie mit all ihrem Leben, ihren Entscheidungen, Sorgen und Problemen alleine war. Klar genoss sie die Freiheit, für ihre Entscheidungen keine Rechenschaft ablegen zu müssen, aber sie vermisste Vertrautheit und kreative Gemeinsamkeit.

Ihr Kollege, welcher ja verheiratet war und Kinder hatte, war früher auch immer der Meinung gewesen, dass dies Glück bedeutet. Doch jetzt verspürte er den Drang danach, wieder auf der Fensterbank zu sitzen, sich einen Joint anzuzünden, Janis Joplin oder Donovan zu hören und einfach der spießigen Gesellschaft zu trotzen – seinen Antagonisten zu widersprechen. Er war zu einem Menschen geworden, den er noch vor 25 Jahren mit einem höhnischen Lachen begegnet wäre. Doch statt im Marihuana – Rausch das Sofa mit Chips-Krümeln zu bestreuen, saß er gemeinsam mit seiner Frau und dem jüngsten Kind beim Abendbrot. Die Eltern tranken guten Rotwein, es gab Antipasti und Brot. Sie unterhielten sich, was sie beide an der Arbeit erlebt hatten. Sie redeten über Politik. Und wie immer konnte er ihre Meinung nicht teilen – dennoch schwieg er wie immer und wechselte subtil das Thema. Diesen Abend ist sie früher ins Bett gegangen und er saß noch auf dem Sofa, um sich noch das Fußballspiel seines Lieblingsvereins im Fernsehen anzusehen. Sein Verein verlor in letzter Zeit öfter. Mittlerweile war ihnen der erste oder zweite Platz der 3. Bundesliga sicher, wo sie doch sonst immer in der 2. Bundesliga bleiben durften. Und so dachte er wieder über Glück nach, was er früher für Glück hielt und wie es ich heute als Farce entpuppte. Ja, er als Historiker hatte es immer gewusst, die Vergangenheit ist ein großes Dunkel und mit Echo gefüllt. Wir sind zu dem geworden, was uns in jungen Jahren geprägt hat. Wollten wir doch allen Zwängen entkommen, frei und glücklich werden. Dennoch sind wir melancholisch geworden und überlegen uns, was wir hätten damals anders machen können, um an einem anderen Punkt im Leben zu stehen.  Er überlegte weiter, irgendwo in der Schublade dieses kleinen Eckschrankes müsste noch eine Platte von den Doors sein. Er überlegte weiter, war nicht sein ältester Sohn letzten Monat in Amsterdam? Momentan war er nicht zu Hause, sondern bei seiner Freundin. Er ging in sein Zimmer, zu seinem Nachtisch, öffnete die oberste Schublade und siehe da – die Jugend von heute gibt sich keine Mühe mehr, Gras vor ihren Eltern zu verstecken, selbst die großen Plättchen lagen daneben. Er nahm sich ein großes Blättchen, etwas Gras und ein bisschen Tabak . Er hasste Tabak. Seine Frau rauchte auch häufiger. Seine Abneigung dem Qualm gegenüber hielt sie nie davon ab, mit dem Rauchen aufzuhören.  Er ging zurück ins Wohnzimmer, drehte sich seine „Zigarette“, legte die Doors auf und sang immer lauter werdend mit: „Come on baby, light my fire.
Come on baby, light my fire.Try to set the night on fireeeeeeeeeeeeeee.“

Irgendwann, er war schon eingeschlafen, kam seine Frau ins Wohnzimmer und beschwerte sich über den Lärm. Die Platte war einfach weitergelaufen, ca. zwei Stunden.

Er stellte den Plattenspieler ab, entsorgte die Asche in der Toilette, zog seine Schuhe an und ging an die frische Luft, an den Fluss, welcher durch seine Großstadt floß. Am Ufer sah er seine Kollegin, welche über ihr Glück und ihre Lebensvorstellung melancholisch nachdachte genau wie er vor einigen Stunden. Auch sie wusste an dem Abend, dass auch Gras süßlich riechen kann. Er setzte sich neben sie auf die Bank – niemand sprach ein Wort, mal schauten sie sich an, mal sahen sie auf das Wasser. Jetzt wussten sie plötzlich, was Glück bedeutet.

****************1. Korrektur – oh, Gott, nie wieder spät Texte schreiben!!!!!!!!!!!!******

******************hoffentlich verständlicher :-)*****************************

 

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